Das Leuchten der Stille – Warum Antibiotika nicht das sind, wofür viele sie halten

Antibiotika sind aus der medikamentösen Behandlung von Krankheiten – auch bei Hunden – heute kaum noch wegzudenken. Sie sollten per Definition eigentlich nur zur Behandlung von bestehenden (also nachgewiesenen) Infektionen mit Bakterien eingesetzt werden.

Nicht selten werden sie jedoch auf lediglichen Verdacht hin oder gar vorbeugend eingesetzt. Dabei richten sie immer häufiger mehr Schaden an, als sie nützen würden. Denn sie (zer)stören die körpereigene natürliche Abwehr und fördern u. a. durch viel zu häufige Verordnungen mehr und mehr entstehende multiresistente Bakterien, welche auf dem Weg sind, Todesursache Nr. 1 weltweit zu werden. So könnte sich einer Studie zufolge die Zahl der Toten von jetzt weltweit etwa 700 000 pro Jahr bis 2050 auf zehn Millionen erhöhen.

Wie alles begann …

Die Entdeckung der Antibiotika im Jahr 1928 durch den Bakteriologen Alexander Fleming verdanken wir einem Zufall, als dieser bei einem Experiment quasi nebenbei bemerkte, dass ein Schimmelpilz (Penicillium notatum) das Bakterienwachstum gehemmt hatte. Bis das erste Mal mit einem Antibiotikum behandelt wurde (dem ersten, nämlich Penicillin) dauerte es noch über 10 Jahre.

Alexander Fleming beim Forschen

Die industrielle Herstellung des ersten Antibiotikums startete 1942. Drei Jahre später erhielt Alexander Fleming für seine Entdeckung gemeinsam mit Ernst Chain, der diese Entdeckung weiter erforscht hatte, den Nobelpreis und warnte schon da in seiner Rede:

„Es besteht die Gefahr, dass die Mikroben lernen, resistent gegen Penicillin zu werden. Und wenn die Mikrobe einmal resistent ist, bleibt sie auch für lange Zeit resistent.“

Damit hatte er eines der Probleme von Behandlungen mit Antibiotika schon offenbart. Allerdings nicht das einzige und wohl auch nicht größte Problem.

Die Bakteriologie

Louis Pasteur im Labor

Die Bakteriologie ist die Lehre der Bakterien, welche mikroskopisch kleine Lebewesen mit einer Zellstruktur und einem eigenen Stoffwechsel sind. Einer der Begründer der Bakteriologie war der französische Chemiker, Physiker und Biochemiker Louis Pasteur. Pasteur vertrat ebenso wie der berühmte deutsche Mediziner Robert Koch die Auffassung, gefährliche Erreger wären Ursache für Krankheiten. Ihre Keimtheorie und die Betrachtung von Bakterien als Feinde ist noch heute fester Bestandteil der westlichen Schulmedizin.

Das Mikrobiom

2008 ging das Humanmikrobioprojekt (HMP) an den Start. Nur wenige Jahre später hatte das HMP herausgefunden, dass im Körper fast zehnmal mehr Bakterien sind als Körperzellen und dass das mikrobielle Genom hundertmal mehr genetische Informationen als das Erbgut des Menschen beinhaltet. Als Mikrobiom – oder ganz korrekt Mikrobiota – bezeichnet man die Gesamtheit der Mikroorganismen (vor allem Bakterien), die einen Organismus besiedeln.

„Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles!“

Dieser Satz wird dem französischen Arzt, Chemiker und Pharmazeuten Antoine Béchamp (1816–1908) zugeschrieben, der eine Art Gegenspieler von Louis Pasteur gewesen sein soll. Béchamp vertrat die Ansicht, dass es auf den Wirt ankommt, ob eine Erkrankung ausbricht, wenn dieser mit einem Erreger konfrontiert wird. Der „Wirt“ ist ein Lebewesen, das i. d. R. kleineren Organismus als vorübergehender oder dauernder Lebensraum dient. Béchamp sah eine Erkrankung durch einen Erreger vor allem als Folge eines schon vorher geschwächten Wirts an.

Dass er mit dieser Theorie, die damals weitgehend ignoriert wurde, nicht falsch lag, zeigen viele Ergebnisse der seit 2008 stattfindenden umfangreichen Erforschung des Mikrobioms. Mittlerweile gibt es viele Erkenntnisse aus der Mikrobiom-Forschung, die darauf schließen lassen, dass eine sehr große Anzahl, wenn nicht gar die meisten der heutigen Erkrankungen mit der Mikrobiota und vor allem der intestinalen (im Darm liegend) Mikrobiota im Zusammenhang stehen.

Der Organismus als Ökosystem

Als Ökosystem bezeichnet man einen Lebensraum, in dem verschiedene Lebewesen leben, die voneinander abhängig sind. Ein solches Ökosystem reguliert sich quasi selber. Eingriffe von außen können zu einem Ungleichgewicht führen und dieses Ökosystem gefährden. Das größte Ökosystem ist die Erde selber. Dieses große Ökosystem ist wiederum unterteilt in kleinere Ökosysteme und diese bestehen aus weiteren, kleineren Ökosystemen.

Biosphäre 2 in Arizona scheiterte

Ökosysteme sind natürlichen Ursprungs und können bisher kaum künstlich geschaffen werden. Dies hat auch das Experiment Biosphäre 2 gezeigt, bei dem versucht wurde, eine Art kleine Erde als abgeschlossenen Lebensraum auf der Erde zu erschaffen. Das Experiment fand in den 1990er Jahren in Arizona statt und scheiterte gleich 2 mal.

Der äußere Einfluss auf das Ökosystem

Selbstverständlich ist ein Ökosystem auch äußeren Einflüssen ausgesetzt, bzw. von diesen abhängig. Substanzen, die zum Leben benötigt werden, müssen auch von außen kommen. So benötigen heterotrophe Organismen, zu denen Tiere (also auch wir Menschen) zählen, organische Nährstoffe von außen. Lange Zeit haben sich Menschen und Tiere den äußeren Gegebenheiten und den zur Verfügung stehenden Nahrungsmitteln stets angepasst und so ihr Ökosystem sozusagen regelmäßig upgedatet.

„It is not the strongest of the species that survives, nor the most intelligent, but rather the one most adaptable to change.“

Dieses Zitat stammt von Charles Darwin und heißt übersetzt, dass nicht der Stärkste oder Intelligenteste überlebt, sondern derjenige, der sich an Veränderungen am besten anpassen kann. Charles Darwin gilt als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler und die durch ihn begründete Evolutionstheorie stellt das grundlegendste Erklärungsmodell für die Biologie dar.

Was läuft hier falsch?

Diese Sicht der Dinge verliert heute jedoch mehr und mehr ihre Gültigkeit und sie steht auch in einem Widerspruch zu der Sicht auf Erkrankungen, wie sie von Robert Koch und Louis Pasteur begründet wurde.

Mit einer Bekämpfung von Erregern im außen, die einer Kriegsführung ähnelt, wollen wir uns nicht mehr anpassen sondern Einfluss auf die äußeren Bedingungen nehmen, welche durch die menschengemachten Veränderungen zusätzlich immer krankmachender auf unsere Ökosysteme wirken. Wir fügen dem Organismus als Ökosystem größten Schaden zu.

Antibiotika als Zerstörer des Ökosystems

Antibiotika haben sicherlich schon viele Menschenleben gerettet, keine Frage. Doch darf man nicht außer Acht lassen, in welchem Zustand sie ein Ökosystem häufig angetroffen haben, nämlich längst nicht mehr gesund. Und so kann man Antibiotika durchaus als Notfallmedikament betrachten, das dann angeraten sein kann, wenn keine anderen Maßnahmen mehr greifen können, weil das Kind „Gesundheit“ schon vorher in den Brunnen gefallen ist. Oder vielleicht, wenn es sich um eine Infektion mit einem der wenigen tatsächlich sehr gefährlichen Keime handelt.

Antibiotika greifen selber massiv ein in das Ökosystem, indem sie nicht nur die Erreger zerstören, die mit der Erkrankung in Zusammenhang stehen, sondern eine weitere Vielzahl Mikroorganismen, die das Ökosystem schützen können. Damit setzen sie die regulierende Funktion des Ökosystems zumindest zeitweise außer Kraft und öffnen, je häufiger sie zum Einsatz kommen, weiteren durch Erreger verursachten Erkrankungen Tür und Tor.

Bakterien sind keine bösen Krieger!

Mit der Erforschung des Mikrobioms müsste ein Paradigmenwechsel vonstattengegangen sein. Bakterien dürfen nicht länger grundsätzlich als Feinde betrachtet werden. Das sind sie nicht. Sie sind allesamt Teil unseres Ökosystems. Erst wenn sich einzelne Bakterien mit krankmachenden Eigenschaften ungebremst vermehren können, wird es kritisch. Das passiert i. d. R. jedoch nur, wenn das Ökosystem schon vorher (massiv) geschwächt wurde.

Behandelt man ein geschwächtes Ökosystem mit einem Antibiotikum, schwächt man es noch mehr. Allenfalls gerechtfertigt sein kann diese Behandlung als Notfallmaßnahme, wenn der Schaden schon so groß ist, dass eine weitere Schädigung billigend in Kauf genommen werden muss, um den Organismus zu retten.

Für die Gesundheit wäre es daher zuträglicher, man würde den Scheinwerfer nicht mehr auf die „bösen Erreger“ richten und (wieder) mehr in eine präventive Richtung denken, was natürlich auch für unsere Hunde gilt. Ein gesundes Immunsystem und ein gesunder Darm bedingt und gefördert durch Faktoren wie z. B. gute Ernährung, Bewegung, frische Luft etc. sowie eine Minimierung schädigender Einflüsse sollten oberstes Gebot sein.

Wie schon Hippokrates wusste, sollten die Nahrungsmittel Heilmittel sein und Heilmittel sollten die Nahrungsmittel sein.

Oder mit den Worten von Sebastian Kneipp: Gesundheit bekommt man nicht im Handel, sondern durch den Lebenswandel.

Kleine Anmerkung: Meine Hündin Lucy wird im Mai 2021 9 Jahre alt. Sie wurde in ihrem ganzen bisherigen Leben noch niemals mit einem Antibiotikum behandelt. Selbst in der schwärzesten Zeit vor einigen Jahren, als sie schwer erkrankt war, habe ich eine Antibiose, die mir aufgrund von Laborwerten empfohlen wurde, nicht verabreicht. Statt der Antibiose habe ich voll auf eine umfangreiche heilende Unterstützung, welche so auch präventiven Charakter hatte, gesetzt. Das hat natürlich Zeit und sehr viel Geduld gebraucht, hat mir aber auch eine tolle Belohnung eingebracht: Lucy ist heute so gesund, wie ein Hund sein kann.

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Über Anke Jobi 91 Artikel
Anke Jobi, 1967 geboren, wohnt im oberbergischen Land in der Nähe von Köln. Sie ist zertifizierte Ernährungsberaterin für Hunde, Buchautorin (Clean Feeding) und schreibt als freie Autorin für diverse Printmagazine.

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